|
Gestern war ich dran, mit Staubsaugen. Ich wohne gleichberechtigt. Hab auch schon auf Wikipedia nachgesehen, woher sich das Zeitgeist-Wort ableitet, mit dem ehemalige Jäger und Sammler zur Hausarbeit domestiziert werden:
>> Emanzipation ... einen 'Sklaven oder erwachsenen Sohn' aus dem mancipium, der 'feierlichen Eigentumserwerbung durch Handauflegen', in die Eigenständigkeit zu entlassen ... <<
Das muss ich jetzt nicht wirklich verstehen. Ich bin ihr Mann. Somit wird wohl eher der Sklave auf mich zutreffen. Und das mit dem Handauflegen und der Eigenständigkeit, das verwirrt mich ein wenig. Sie legt mir keine Hand auf, sondern belegt mein Gewissen – mit einem Schlechtgefühl – manchmal. Obwohl ich doch die Instrumente zur Emanzipation des Mannes ganz gut beherrsche. Waschmaschine, Staubsauger und Bügeleisen gehorchen mir, willig. Der Überlebenskampf im Territorium der Frau ist mir ein müheloser.
Ich hab sie noch gesehen aus dem Augenwinkel im Vorübergehen. Diese kleine, hinterhältige, verräterische Ansammlung von Fasern, Haaren und Staub. Ich war es, der den Luftzug verursacht hat, der diesen nach Beachtung hechelnden Grauling aus seinem Versteck unter dem Schrank hervorgelockt hat. In das Sichtfeld meiner Frau. Sie ist visuell staubsensitiv.
Es ist eine Staubmaus von wahrhaft bedrohlichem Ausmaß. Gut zweieinhalb Zentimeter misst sie. Eindeutig zu groß um glaubhaft zu versichern, dass sie gestern noch nicht existiert hätte. Auch wenn es mir möglich ist, die Situation noch für einen Augenblick zu ignorieren – die Luft scheint bereits zu knistern. Gleich wird sich dieses miese Stäubchen zwischen meine Frau und mich stellen, wird sie instrumentalisieren. Einzig zum Zwecke, mir mein Versagen vor Augen zu führen. Sterben muss das luftige Dreckchen ohnehin, weshalb dann nicht auf solch glorreiche Weise. Ich habe beinahe ein wenig Verständnis.
Meine Frau geht wenige Schritte hinter mir. Ich spüre geradezu, dass sie es jetzt gesehen hat. Wie sie es fokussiert. Wie sie zu dem Überlebenden meines Säuberungsversuchs eine starke emotionale Bindung aufbaut – in die sie mich gleich mit einbeziehen wird. Fehlt nur noch, dass sie den Dingern einen Namen gibt. Ob mir noch Zeit bleibt, mich ins Arbeitszimmer zu verdrücken? Doch zu spät – die unvermeidliche Frage steht schon im Raum. Suggestiv – mit leicht hämischem Unterton – geflötet: 'Du hast doch gestern gesaugt, ja?' Es ist ein verbaler Reflex, mit dem ich diese Eröffnung annehme, sie spontan erwidere: 'Ja, hab ich. Weshalb die Frage?', höre ich mich scheinheilig sagen. 'Ich hab doch nicht etwa so einen kleinen Fussel übersehen, dem du nun einen zeremoniellen Abgesang widmest, anstatt ihn kommentarlos zu erhaschen und ihm den Garaus zu machen?'
Autsch – das war ein Fehler. Aber jetzt ist es raus. Das könnte sich gleich zu einer opulenten Kommunikationsblase auswachsen. Hätte ich nur den Mund gehalten. Meine Beziehungssensoren vermelden bereits Alarmstufe zwei – und das ohne Vorwarnung. Nicht einmal zehn Sekunden liegen zwischen Harmonie und der Aussicht auf eine nachhaltige atmosphärische Beziehungs-Störung. Das ist wieder einer dieser Momente, in denen ich mir meiner Gedanken erst bewusst werde, nachdem ich ihnen, zu Worten geformt, die Freiheit geschenkt habe. Und der Abend hätte so schön werden können.
Sie kontert Crescendo, mit leichter Tendenz zu Fortissimo: 'Kleiner Fussel? Na schau dir den mal an!' Ich atme tief durch. Der Ärger mit meinem Direktor, der Termin für die Steuererklärung, die Vier minus meines Juniors in Latein, Irak und Afghanistan, die Finanzkrise und Griechenland, das Ozonloch, der fundamental-islamitische Terror, der defekte Auspuff am Fiat, die Staubmaus. Ich versuche dem kleinen Störenfried in meinem beschränkten Problemwahrnehmungs-Kosmos ein Plätzchen zuzuweisen. Er scheint unwichtig – zu leichtgewichtig, um ihm Bedeutung beizumessen. Und doch ist er präsenter als der Weltfriede – oder das Rauchverbot in meiner Stammkneipe.
Aber das ist vielleicht gar keine gewöhnliche Staubmaus. Wie sonst wäre zu erklären, dass sie der Staubsauger-Düse entkommen konnte und sich nun so dreist in mein Leben einmischt. Das kleine Dreckstück stellt auf infame Weise meine männliche Staubsaug-Kompetenz in Frage – beschämt mich durch seine bloße Existenz. Es fällt mir wie Schuppen von den Augen – das Ding betreibt Beziehungskatalyse. Erst gestern hab ich im Einkaufskorb die Tampons gesehen. Meine Frau hat Befindlichkeitstage. Achtung. Auch wenn mein loses Mundwerk anderes vermuten lässt, ich bin liebevoll konfliktscheu. Zudem verfüge ich über einen verlässlichen Beziehungsstreß-Deeskalations-Reflex. Ich drehe mich zu ihr um. Lächle sie an. Bücke mich wortlos. Ergreife das Corpus Delicti. Und während ich meinen Demutsgang zum Mülleimer antrete, verforme ich mit Restwut und der Freude über meine Situationskontrolle das voluminöse Teilchen zu einem zwei Millimeter großen Nichts. Werfe es gelassen in die Tonne. Auf die Überbleibsel des Schokopuddings vom Vortag. Meine Frau hat es sich auf der Couch vor dem Fernseher bequem gemacht. Tatort. Ich nehme den Fußbalsam aus der Schublade und setze mich zu ihr. Der Abend scheint gerettet. Nach 30 Minuten Fußmassage ist sie absolut staubmaustolerant. Was kümmert mich der Weltfriede – der Hausfriede ist ein viel spürbarer.
Es wirklich ist beängstigend, was das 'kleine Ding von unterm Schrank' alles hätte anrichten können.
Den Text 'Die Staubmaus' als PDF Datei >  |