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Es wa(h)r einmal – als ich noch ganz klein war. Da hat man mir erzählt, was man den Kindern auch heute noch erzählt:
Du musst immer die Wahrheit sagen.
Die Wahrheit sagen, das funktioniert gar nicht lange. Ungefähr so lange, bis man als Knirps kapiert, dass nur Dumme nicht lügen. Das soll jetzt nicht heißen, dass Dumme nicht lügen – sondern, dass die, die nicht lügen, hinterher meist die Dummen sind.
Spätestens dann, wenn du erwischt wirst, bei irgendwas – und du mit deiner Ausrede – deiner Halbwahrheit – oder deiner Notlüge so richtig grundehrlich rüber kommst – und du bemerkst, dass es Mama und Papa jetzt ganz angenehm wäre, wenn du den Mist vielleicht doch nicht gebaut hast – und dein kleines zur Wahrheit erhobenes Lügchen für alle glaubwürdig und richtig toll ist, dann beginnst du zu begreifen.
Jede Lüge kann Wahrheit sein – sie muss nur geglaubt werden.
Es gibt so viele – Wahrheiten. Aber die besten sind allemal die, die du selbst erleben, erfahren und erfühlen kannst.
Als ich ein bisschen größer als ganz klein war, da habe ich im Fernsehen oft Tierfilme angeschaut. Leben bei den Menschenaffen. Bei den Gorillas auf Borneo. Menschen können das – mit Gorillas leben. Nur eines dürfen sie nicht. Dem Oberaffen länger als einen Augenblick in die Augen sehen. Sonst glaubt der, du wolltest ihn herausfordern – und dann kommt er zu dir und drischt dir eins auf die Mütze – damit die Sache mit der Rangordnung wieder geklärt ist.
Als ich so mittelgroß war, da hab ich im Biologieunterricht gelernt, dass die Menschen vom Affen abstammen – oder so ähnlich. Angeblich die Wahrheit. Geglaubt hab ich das nicht.
Als ich dann fast ganz groß war, da war ich abends in der Stadt und habe einem Typen, der einem Oberaffen nicht unähnlich war, in die Augen gesehen. Zwei Augenblicke lang. Dann hat der mich gefragt, ob ich eins in die Fresse brauche – und da wusste ich bescheid. Das ist empirisch ermittelte Wahrheit. Wir stammen also doch vom Affen ab. Aber nur wir Männer. Bei Frauen ist das anders. Das weiß Mann aber erst, wenn er eine Frau hat. Irgendwann fragst du dich, wozu eine Frau hundertundsiebzehn Paar Schuhe braucht. Weshalb eine Frau immer das Gefühl hat, ein paar Schuhe zu wenig im Schrank zu haben und dann kannst du die Wahrheit geradezu fühlen: Frauen stammen nicht vom Affen ab – sondern vom ... ... Tausendfüßler.
Die richtige Wahrheit kann man nur in sich selbst finden. Deshalb hat jeder seine eigene.
Die Wahrheit ist, dass man nicht automatisch unblöd ist, nur weil man seinen künftigen Elektromüll dort einkauft, wo einem vermittelt wird, dass nur die blöd sind, die da nicht einkaufen.
Die Wahrheit ist, dass die echte Wahrheit sperrig und nackt ist – und selten den Charme einer Lüge haben kann.
Die Wahrheit ist, dass Wahrheit nur halb so bedrohlich ist, wie die Menschen, die darüber bestimmen, was Lüge und was Wahrheit ist.
Die Wahrheit ist, dass man Informationen braucht um die Wahrheit zu erfahren – aber Informationen nur so wahr sein können, wie die Absicht des Informationslieferanten das zulässt ... ... Informationen sind nämlich informgeformt:
Es informiert der Informant ...
Wenn auf einer Bohrinsel im Golf von Mexiko das Rohr platzt und die amerikanische Küste ein einziger stinkender klebriger Ölteppich ist, dann ist das keine Wahrheit – sondern eine Information.
Die Wahrheit dabei ist, dass es ganz besonders klebrig ist und ganz besonders stinkt, wenn man sich als professioneller Umweltverschmutzer aus Versehen in die eigene Hose – oder einem guten Freund vor die Haustür scheißt.
Die Wahrheit ist, dass man eine gehörige Portion Intelligenz benötigt, um etwas bedeutend Dummes zu tun - die Dummen wissen das – und die Schlauen können es nicht lassen.
Die Wahrheit ist, dass es hilfreich ist Kinder zu haben. Wenn es dir gelungen ist, mit Hilfe von einfachen Sätzen und bunten Bildchen, deinem Kind die Welt zu erklären, dann schaffst du das auch bei deinem Chef.
Die Wahrheit ist – dass eine Power-Point-Präsentation die volks- und betriebswirtschaftliche Rückwärts-Evolution von Kinder- und Märchenbüchern ist. Und damit lassen sich Märchen erzählen, das glaubst du nicht. Und in der Summe kumulieren die Märchen dann zu einer wunderbaren Wahrheit – mit der sich prächtig leben lässt – bis zur nächsten Wirtschafts- oder Finanzkrise. Dann ist Wahrheit wieder Wahrheit – die Lüge wieder Lüge – und alle fragen sich, weshalb die Dinge so sind, wie sie sind – und wer so blöd war, das alles zu glauben.
Die Wahrheit ist, dass man Erfolg zwar in Zahlen messen kann, aber der Mensch keine Zahl für 'zuviel' und 'genug' kennt – außer er bekommt davon Schmerzen oder muss sich davon übergeben.
Die Wahrheit ist, dass die meisten Menschen zuviel Irgendwas haben – aber zu wenig schöne Aussichten – zu wenig Zeit – zu wenig Nähe – zu wenig Worte – zu wenig Berührung - zu wenig Wärme.
Die Wahrheit ist, dass das Leben geil ist – und wenn uns die Wahrheit ein bisschen zu wahr wird, dann nehmen wir uns eben doch eine kleine Lüge.
Die Wahrheit ist, dass ihr jetzt auch nicht mehr über die Wahrheit wisst, als vor sechs Minuten – aber vielleicht seid ihr ja in Wahrheit nur deshalb hier, weil euch zu Hause niemand so einen herrlichen Quatsch erzählt.
| *ps |
... Textpassage bzw. Text, der für einen Poetry Slam entstanden ist
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