Lustverlust

Obwohl der Behälter, der als Zwischenlager entsorgungswürdiger Küchenabfälle dient, unscheinbar neben dem Kühlschrank in der Ecke steht, fühlst du dich von ihm genötigt. Dieser Mülleimer bereitet dir echtes Unbehagen.

Als du heute Morgen den Kaffeefilter entsorgt hast, hast du es nämlich gesehen.
Er ist voll.
Randvoll ist er.
Um deiner Mitbewohnerin (die auch Herrin der Küche und deine Ehefrau ist) keine Unfreude zu bereiten, sollte dieser Mülleimer aber unvoll sein.
Also leer.
Halbvoll ginge auch.
Aber voll, das geht gar nicht.

Im Grunde bist du ein echter Küchen-Nichtsnutz und hast im 'Hoheitsgebiet nicht-männlicher Familienmitglieder' nur ein beschränktes Aufenthaltsrecht (das ist akzeptabel Frau würde in der Werkstatt ja auch nur im Wege herumstehen). Das gilt bis auf zwei kleine Ausnahmen. Bis auf das Leeren des Mülleimers und das Be- und Entladen der Spülmaschine. Das ist dein Job.

Seit Stunden weißt du nun schon, dass der Müll auf dich wartet.
Und du wartest ebenfalls.
Auf eine Lust.
Auf eine ganz bestimmte Lust.
Auf die Lust den Müll rauszubringen.
Auf einen spontanen, lustvollen inneren Müll-rausbring-Antrieb ...
... oder vielleicht auch einfach nur auf den richtigen Moment.

Inzwischen hast du – lusterwartend – gut fünfzig Seiten in einem mäßig spannenden Buch gelesen. Warst auf der Toilette. Hast dir das Theaterprogramm fürs Wochenende durchgesehen. Und im Internet den Wetterbericht gesichtet.
Die antreibende Lust aufs Mülleimerleeren hatte also ausreichend Gelegenheit sich anzuschleichen und dich zu überkommen.
Doch nichts.
Alles was kommt ist was kommen muss. Nämlich deine Frau vom Einkaufen zurück.
Mit zwei großen prall gefüllten Taschen.
Nachdem die Einkäufe verstaut sind und besinnliche Ruhe einkehren könnte, greift sie beiläufig in eine der beiden Einkaufstaschen und befördert einen Kassenbon zutage. Nur ein kleines Stückchen Papier. Doch du weißt was gleich geschehen wird. Sie zerknüllt das unscheinbare Papierchen. Peilt den Mülleimer an. Öffnet ihn – und sagt: 'Hmmm!'

Das ist aber nicht einfach so ein 'Hmmm', wie Frau das gelegentlich vor sich hin-hmmmt.
Das ist ein 'Hmmm', der Mülleimer ist voll!
Das ist ein 'Hmmm', was hast du den ganzen Morgen gemacht?
Das ist ein 'Hmmm', soll ich dir mal zeigen, wie man den Deckel öffnet und die Mülltüte herausnimmt?
Das ist ein 'Hmmm', und nun?
Das ist ein überaus kritisches, erwartendes, enttäuschtes 'Hmmm'.
Und genau in diesem Moment passiert es.
Die Sache mit dem Lustverlust.

Beinahe wäre es soweit gewesen. Du konntest es schon seit Stunden förmlich spüren. Früher oder später wäre es Wirklichkeit geworden. Du wärst ganz unvermittelt aufgestanden und hättest den vollen in einen leeren Mülleimer verwandelt.
Aber jetzt – jetzt ist es aus und vorbei.
Dieses leicht vorwürfige 'Hmmm' hat alles zunichte gemacht.
Die Lust hat keine Chance mehr.
Lust- und wortlos erhebst du dich und tust was du tun musst. Nichts weiter wird geschehen – ich meine emotional.
Du wirst dich hernach nicht darüber freuen können, den Müll entsorgt zu haben.
Deine Frau wird dir dafür auch keinen anerkennenden Blick schenken.
Mit deiner Tat kannst du maximal eine drohende oder bereits vorhandene Missstimmung ablindern - mehr nicht.

Der 'Lustverlust' ist übrigens keine verlustig gegangene Lust, sondern eine beinahe gekommene Lust – die meist auf sehr unsensible Weise vertrieben wurde. Nicht selten sogar mit Absicht.
Wenn diese Lust also beinahe schon da ist und eine Erwartungshaltung bei dir eintrifft, bevor die Lust dich übermannen konnte, dann ist die Lust auch schon wieder weg. Alles was du noch verspürst ist eine öde, trostlose, enttäuschende Lustlosigkeit.

Fataler Weise ist der Lustverlust eine sehr populäre Lustform (oder Unlustform).
Das liegt daran, weil Lustverlust so leicht zu erzeugen ist.

Noch gezeichnet von diesem unangenehmen Erleben eines Lustverlustes gehst du am Kinderzimmer vorbei und erblickst die vor dem Bett sedimentierenden Schichten aus Socken, CDs, Comic-Heftchen, Lego-Bausteinen und Kaugummipapier. Der Blick, den du deinem Nachwuchs dafür schenkst, beinhaltet erstens deinen Zweifel daran, dass dieser Haufen leicht verdichteten Unrats einem wissenschaftlichen Experiment für 'Jugend forscht' dienen könnte und zweitens, dass dir dieser Anblick missfällt. Und schon verspürt dein Kind den vollkommenen Lustverlust. Alles würde es jetzt im Moment wollen – beinahe alles tun. Aber keinesfalls würde es nun einen Aufräumversuch im kindlichen Wohnbereich akzeptieren. Lustverlustig wird dein Kind maximalen Widerstand leisten. Und es wird dir versichern, dass es gerne aufgeräumt hätte. Beinahe. Gleich. Nachher. Später. Wenn. Aber jetzt ... Lustverlust – du verstehst.

Das mit dem Lustverlust funktioniert auch bei den Hausaufgaben – ich schwöre.
Und natürlich bei nahezu jeder Form von Arbeit.
Und überhaupt, fast überall funktioniert das.

Du musst nur einen Menschen finden, der noch etwas zu erledigen hat. Und dann bringst du ihm, kurz bevor er zur Tat schreiten konnte ganz spontan deine Unfreude darüber zum Ausdruck, dass er seinen Job noch nicht erledigt hat. Was auch immer er hätte leisten wollen-können, es müsste echt schon erledigt – und nicht nur gewollt sein.
So macht man einen Lustverlust.

 

 

 

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